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War starts in Berlin-Mitte

Antimilitaristisches Recherchekollektiv veröffentlicht erste Resultate seiner Arbeit

von: Antimilitaristisches Recherchekollektiv Berlin | Veröffentlicht am: 25. Februar 2026

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Vom 27. Februar bis zum 1. März findet in Berlin am kommenden Wochenende eine Friedenskonferenz statt, bei der die Frage „Wie organisieren wir die Entrüstung gegen die Kriegsvorbereitungen?“ besprochen werden soll. Dabei werden am Samstagmorgen (ab10h) auch die Ergebnisse eines Antimilitaristischen Recherchekollektivs zum Machtzentrum Berlin Mitte vorgestellt, die dann auch in Form eines umfangreichen Atlasses im Internet präsentiert werden. Nachfolgend wird das Projekt vorgestellt.

Berlin Mitte – imperialistisches Machtzentrum seit dem deutschen Kaiserreich. In der sogenannten Gründerzeit angewachsen zur Weltmetropole, entstanden hier die Pläne zur Erkämpfung eines „Platzes an der Sonne“ für das deutsche Kapital. Damit wurden die Weichen gestellt, die in die beiden Weltkriege führten. 1945 wurde es für einige Jahrzehnte ruhig um diese Stadt. Nach zwei verlorenen Kriegen geteilt und zur Hälfte sozialistisch regiert, taugte sie wenig als imperialistisches Zentrum. Doch das änderte sich, als 1989 die Mauer fiel und die DDR im Folgejahr von der BRD einverleibt wurde. Das „vereinigte“ Deutschland konnte so seine Führungsrolle in Europa ausbauen und konsolidieren. Dadurch wurde es die bestimmende politische Macht auf dem europäischen Kontinent. Stimmen, die auch eine militärische „Verantwortungsübernahme“ Deutschlands forderten, wurden stetig lauter. Berlin ist seit 1990 wieder offiziell Hauptstadt. Zur Jahrtausendwende verlegte auch die Bundesregierung ihren Sitz hierhin. Berlin-Mitte etablierte sich damit erneut als zentraler Schauplatz imperialistischer Machtpolitik in Deutschland und Europa.

Berliner Rüstungstopographie

Diesem wiedererstandenen Machtzentrum widmet sich die Arbeit des „Antimilitaristischen Recherchekollektivs Berlin“. Am 28. Februar 2026 stellt es erste Resultate seiner Arbeit auf der Berliner Friedenskonferenz vor. Diese findet vom 27. Februar bis 01. März 2026 im City-Kino Wedding statt. Die Veröffentlichung umfasst eine interaktive Website, die im Anschluss an die Konferenz auf nowarberlin.org online gehen wird. Diese zeichnet die Topographie der kriegstreibenden Akteure in Berlin-Mitte nach. Herzstück ist eine Karte mit Firmensitzen von Rüstungskonzernen und Dual-Use-Produzenten, Büros von Stiftungen, Thinktanks, Interessenverbänden des Militärs und der „Sicherheits“-Wirtschaft sowie Orte der Bundeswehr und staatlicher Institutionen wie z.B. das „Verteidigungs“ministerium. Alle diese Orte bilden einen verwobenen Komplex aus Rüstungsindustrie, Militär und Institutionen politischer Macht.

Was Berlin-Mitte von anderen Standorten der Rüstungsindustrie etwa in Süd- und Westdeutschland unterscheidet, ist der Umstand, dass die meisten Unternehmen hier nicht produzieren. Dennoch leisten sie sich Büroräume in einer der teuersten Lagen der Stadt. Sie suchen die Nähe zu Regierungssitz, Parlament, Parteizentralen und großen Medienhäusern. Hier nehmen sie wirtschaftliche Weichenstellungen vor, betreiben Lobbyismus und „beraten“ politische Entscheidungsträger wirtschafts- und sicherheitspolitisch.

Deshalb widmet sich die Recherche im Besonderen der Vielzahl von Stiftungen, Thinktanks und Interessenverbänden des Militärs und der „Sicherheits“-Wirtschaft. Auch diese beraten die Bundesregierung in außen- und „verteidigungspolitischen“ Belangen. Manche von ihnen forschen dafür an globalen geopolitischen Entwicklungen oder entwerfen Kriegsszenarien und Bündnisstrategien, die – ihrer Ansicht nach – die Lage für die herrschenden Klasse in Deutschland günstig beeinflussen. Mitarbeiter*innen dieser angesehenen Institute werden als Expert*innen in Nachrichtensendungen und Talkshows eingeladen und prägen so den gesellschaftlichen Diskurs über „Sicherheit“ und die Notwendigkeit von Aufrüstung und Krieg.

„Leuchtturm der Sicherheitstechnologie“

Das Rechercheprojekt war ursprünglich als antimilitaristische Demonstration konzipiert, im Laufe der Zeit wurde aber das Netzwerk an relevanten Orten immer größer und vielfältiger. Dabei überholten die Entwicklungen die Recherchearbeit immer wieder. Insbesondere seit dem Aufrüstungsbeschluss des Bundestages vom 18. März 2025 stellen deutschlandweit immer mehr Unternehmen auf Rüstung um oder bauen diese Sparte aus. Dies zeigt sich auch bei denjenigen Firmen, die tatsächlich in Berlin-Mitte produzieren. Prominentestes Beispiel: der zu Rheinmetall gehörenden Pierburg-Konzern im Stadtteil Wedding. Hier werden ab Mitte 2026 Waffen- anstatt Autoteile gebaut.

Auch bei der in Berlin besonders florierenden Start-Up-Szene, wird vermehrt auf Rüstung gesetzt. Entsprechende Unternehmen – wie zum Beispiel das Start-Up „Germandrones“, das sich in Moabit angesiedelt hat – sollen durch gezielte Förderung angelockt werden, sich in Berlin niederzulassen und hier zu produzieren.

Diese Entwicklung verleiht auch dem Begriff „Dual-Use“ eine neue Bedeutung. Ursprünglich wurde er – meist von Kritiker*innen und Kriegsgegner*innen – für den Hinweis verwendet, dass auch für die zivile Nutzung deklarierte Produkte militärisch genutzt werden. Er sollte zeigen, dass auch scheinbar harmlose Firmen am Geschäft mit dem Krieg mitverdienen. In Zeiten allgemeiner „Kriegstüchtigkeit“ und großflächiger Umstellung auf Kriegswirtschaft stehen jedoch die gesamte zivile Infrastruktur und große Teile der Produktion auf dem Prüfstand: Alles wird hinsichtlich der militärischen Verwertbarkeit abgeklopft. Die deutsche Industrie sieht das als Chance, um aus der Krise herauszukommen. Soll sie doch durch hunderttausende Staatsmilliarden wieder fit gemacht werden. In diesem Zuge will der Berliner Bürgermeister Kai Wegner die Hauptstadt zu einem „Leuchtturm der Sicherheitstechnologie“ machen. Dual-Use bekommt damit ein neues, positives Image: Hochrangige Entscheidungsträger*innen nehmen den Begriff nun selbstbewusst in den Mund: „Berlin wir der Ort sein, an dem Dual-Use-Technologien entwickelt werden“, so Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey.

Politische Einordnung

All das will die Recherche nicht nur darstellen, sondern auch politisch einordnen. Um zu verstehen, woher die Notwendigkeit zum Krieg im Kapitalismus kommt und was dagegen zu unternehmen ist. Mehrere Schwerpunkt-Artikel kontextualisieren die Entstehung des militärisch-industriellen Komplexes in Berlin-Mitte historisch und politisch. Zudem kommen verschiedene antimilitaristische und antiimperialistische Gruppen zu Wort, um über ihre politische Praxis in Berlin zu sprechen und zum aktiv werden zu ermutigen.

Die Veröffentlichung ist ein erster Aufschlag, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie wird aufgrund der rasanten politischen Entwicklungen wahrscheinlich auch immer unvollständig bleiben. Die Recherche wäre nicht möglich gewesen ohne die beständige Arbeit von Initiativen, Jounalist*innen und Aktivist*innen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit dem Kollektiv geteilt haben. Allen voran soll hier die Informationsstelle Militarisierung (IMI) genannt werden. Insbesondere der von ihnen herausgegebene „Rüstungsatlas“ diente als zuverlässige Quelle.

Um die Homepage aktuell zu halten, ist das Kollektiv auf Unterstützung angewiesen. Meldet euch gerne mit Hinweisen auf fehlende Orte, fehlerhaften Darstellungen oder Vorschlägen für weitere Artikel und Interviews unter nowarberlin@systemli.org.

Vor allem aber will die Veröffentlichung zum Handeln animieren: Von Berlin-Mitte sind zwei Weltkriege ausgegangen. Es soll kein weiterer dazukommen! War starts here…let’s end it here!